Party überm Kreisverkehr
Investor will Restaurant und Bar in das Industriedenkmal Liesenbrücke bauen

Die S-Bahn rattert neben den denkmalgeschützten Liesenbrücken vorbei.  | Foto: Dirk Jericho
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Seit mehr als 15 Jahren gibt es Pläne für ein abgefahrenes Bauprojekt. In die mächtigen Stahlträger der seit fast sieben Jahrzehnten gesperrten Liesenbrücken sollten Hotelzimmer eingebaut werden. Jetzt gibt es neue Pläne für die Denkmalbrücke. Und einen Bauantrag.

Zwölf Meter hoch, neun Meter breit und 100 Meter lang. Die vor 124 Jahren fertiggestellten Liesenbrücken sind ein Meisterwerk wilhelminischer Ingenieurskunst. Die spektakuläre Bogenbrücke hat einiges erlebt. Über die genietete Fachwerkkonstruktion ratterten jahrzehntelang die Eisenbahnen vom Stettiner Bahnhof an der Invalidenstraße Richtung Norden nach Stettin, Swinemünde, Kolberg, Sassnitz oder Königsberg. Ostseebahnhof oder Ferienbahnhof hieß der Stettiner deshalb im Volksmund. Unter der Brücke campierten in den 1920er-Jahren Obdachlose und zugezogenes Industrieproletariat in Bretterverschlägen oder Zelten. Die Berliner nannten die Brücke wegen der unhygienischen Zustände darunter „Schwindsuchtbrücke“.

Bis zum Abriss des Stettiner Fernbahnhofs (heute Nordbahnhof) 1952 fuhren die Züge vom Stettiner Bahnhof Richtung Ostsee. Mit dem Bau der Mauer 1961 war die Brücke im Grenzgebiet. Außer den NVA-Soldaten im einstigen Grenzstreifen im heutigen Park am Nordbahnhof kam Jahrzehnte lang niemand ran von südlicher Seite. Wenige Meter neben der Brücke stand ein Wachturm der Grenztruppen. Seit fast 70 Jahren ist die Brücke gesperrt und rostet vor sich hin. Bäume wachsen zwischen den Stahlträgern. Direkt neben den zwei gesperrten Liesenbrücken fährt die S-Bahn auf einer unspektakulären Neubaubrücke.

Noch fehlen Nachweise

Ein gläsernes Hotel in der großen Liesenbrücke haben die Architekten Ana Salinas und Gilbert Wilk entworfen. Auf ihrer Website stehen noch die Pläne von 2006 – Skizzen und Animationen für das Brückenhotel mit 60 Zimmern. In dem Bau an der Scheringstraße direkt nördlich neben der Brücke sind weitere 45 Zimmer und ein Konferenzzentrum geplant. Über das Projekt hatte die Berliner Woche bereits 2016 berichtet. Doch wie es scheint, gibt es mittlerweile neue Überlegungen, wie man die imposante Brücke nutzen kann. Weder die Architekten noch der Investor wollen „zum derzeitigen Zeitpunkt Details nennen“, sagt Lutz Ackermann, der als Sprecher die Investoren vom Projektentwickler CapRate vertritt. Die Immobilienfirma mit Sitz in Zossen hat am 21. November beim Bezirksamt einen Bauantrag für eine „Beherbergungsstätte mit 340 Zimmern und eine Veranstaltungsfläche für 800 Personen“ gestellt. Bauherr ist eine CapRate Brücke 1 GmbH. Wie Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) sagt, fehlen unter anderem noch Brandschutznachweise, die Bestätigung über die Entwidmung der ehemaligen Bahnflächen sowie die „Bestätigung der grundsätzlichen Tragfähigkeit des Brückenbauwerkes zur Aufnahme des geplanten Bauvorhabens“.

Komisch ist, dass die Investoren so mauern. Denn auf ihrer Internetseite beschreiben sie das Projekt und zeigen neben den alten Projektbildern vom Büro Wilk-Salinas Architekten auch neue Simulationen. Demnach sollen in der Eisenbrücke keine Hotelzimmer mehr entstehen, sondern Büros und „in der Welt einzigartige Veranstaltungsflächen für bis zu 800 Personen, ein Restaurant und eine Bar“. Ein transparenter Verbindungsbau dockt das dreigeschossige Backsteingebäude an der Scheringstraße an die Brücke an, so dass man alle Etagen der Brücke barrierefrei erreichen kann.

Kleine Liesenbrücke soll öffentlicher Weg werden

Die kleine Liesenbrücke neben dem großen Bruder soll zukünftig ein öffentlicher Weg vom Park am Nordbahnhof zum Volkspark Humboldthain werden. Das hat das Bezirksamt gefordert. Die Architekten des Nordbahnhofparks hatten diese Grünverbindung bereits 2005 geplant. Doch bisher gab es dafür vom Senat kein Geld. Das 2013 gegründete Bündnis Liesenbrücken will die Bahntrasse seit Jahren für Jogger und Radfahrer öffnen. Auch das Bürgernetzwerk „Grünzüge für Berlin“ hatte seinerzeit Pläne präsentiert, die Fachwerkbrücke zum Eingangstor für den Technologiepark Humboldthain (TPH) zu machen; als Lehrpfad mit Themenstationen zur Industriegeschichte entlang der einstigen Gleise.

Laut CapRate-Website wird die Nutzung der großen Liesenbrücke als Büroflächen angegeben. Acht Millionen Euro soll das Brückenbauwerk über dem Kreisverkehr Gartenstraße/Liesenstraße/Scheringstraße mit 2300 Quadratmetern Fläche kosten und bereits 2021 fertig sein. Die „hochwertige Beherbergungsstätte mit zirka 340 Zimmern“ neben der Brücke wird merkwürdigerweise ebenfalls mit Büronutzung angegeben. Der Um- und Ausbau des Gebäudes mit dann knapp 8000 Quadratmetern soll 27 Millionen Euro kosten und schon in diesem Jahr fertiggestellt werden. Auch wenn die Investoren einen Screenshot von Franka Potente, die 1998 im Film „Lola rennt“ auch unter den Liesenbrücken lang geflitzt ist, auf die Website gestellt haben, wird sich dieser Zeitplan wohl kaum halten lassen.

Mehr Infos unter http://caprate.de/web.

Autor:

Dirk Jericho aus Mitte

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