Relikt auf den Rieselfeldern
Bernd Rolle entdeckte einen der letzten Auslassschieber des alten Berliner Abwassersystems
Eine besondere Entdeckung hat Bernd Rolle gemacht. Er fand den vermutlich letzten frei zugänglichen Auslassschieber auf der Fläche der einstigen Rieselfelder in Blankenfelde.
Gemeinsam mit dem Reporter verlässt Bernd Rolle durch den nördlichen Ausgang den Volkspark Blankenfelde. Dann geht es einen Feldweg entlang bis zu einer Wegkreuzung und weiter nach links durch eine Obstbaumallee. Auf den Seitenflächen weiden Konik-Pferde und Schottische Hochlandrinder. Der Weg zieht sich. Irgendwann geht es wieder nach links.
„Da fliegt ein Mäusebussard“, zeigt Bernd Rolle in die Landschaft. „Hier gibt es sehr viele Vögel. Ich habe hier schon Goldammer, Fasane, Neuntöter, Kraniche und Wacholderdrosseln gesehen“, sagt er. Man merkt, dass der Mann mit dieser Landschaft eng verbunden ist. Seit gut zehn Jahren führt der studierte Veterinär-Ingenieur im Auftrage des Pankower Umweltbüros durch den Botanischen Volkspark, und seit 2012 bietet er auch spezielle ornithologische Führungen an.
Inzwischen geht es weiter querfeldein. „Da ist schon das Absetzbecken zu sehen“, meint Rolle. Er weist auf eine überwucherte Fläche. Als wir den Rand dieser Fläche erreichen, bahnt er uns durch hohes Gras und Gestrüpp einen Weg zu einer kleinen Anhöhe. Und dann kann Bernd Rolle ihn stolz präsentieren: den von ihm wiederentdeckten Auslassschieber. Dass dieser einst sehr wichtig für die Stadt Berlin war, wird erst deutlich, als Rolle die Geschichte der Rieselfelder rekapituliert.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts landeten die Berliner Abwässer noch irgendwo im Stadtgebiet. Das hatte zur Folge, dass sich immer wieder Seuchen ausbreiteten. Deshalb griff der Planer James Hobrecht seinerzeit die Initiative des Arztes Rudolf Virchow auf und begann das Berliner Abwassersystem aufzubauen. Das Rieselfeldsystem in Blankenfelde/ Schönerlinde entstand 1893. Über ein Rohrsystem floss das Abwasser fortan aus der Stadt bis zum Auslass- oder Absperrschieber, den Bernd Rolle jetzt wiederentdeckte. Ein Rieselwärter öffnete regelmäßig diesen Schieber und befüllte das Absetzbecken. „In dem setzten sich zunächst alle festen Bestandteile ab“, erklärt Rolle. Was sich dort ansammelte, wurde später von der Landwirtschaft als Dünger benutzt.
Das vorgeklärte Wasser ist dann über weitere Stufen mittels Drainage auf den Feldern in Blankenfelde verrrieselt worden. Das gereinigte Wasser gelangte über den Zingergraben in die Panke und über diese schließlich in der Spree. Dieses gut durchdachte System der Abwasserreinigung war bis Mitte der 1980er-Jahre in Betrieb, berichtet Bernd Rolle. Erst als die Stadt dann moderne Klärwerke bauen ließ, wurde die Verrieselung eingestellt. Die Landschaft wurde danach sich selbst überlassen. Aber seit einigen Jahren kümmern sich Senat und Berliner Forsten wieder intensiver darum.
Dass Bernd Rolle den Blankenfelder Auslassschieber entdeckte, war ein Zufall. Aber irgendwie ist das Ganze auch mit seiner Familiengeschichte verbunden. Seine Vorfahren waren nämlich Gemüsebauern, und sein Urgroßvater mütterlicherseits, Otto Nette, Schriftführer im Vorstand des Verbandes der Gemüsezüchter Berlins.
Mitglieder dieses Verbandes bewirtschafteten die Rieselfelder, bauten dort Kohlrabi, Blumenkohl, Kopfkohl und Suppengemüse an, berichtet Rolle. Damit sich die Gemüsebauern und der für die Rieselfelder zuständige landwirtschaftliche Güterdirektor Berlins regelmäßig zu Problemen austauschen konnten, wurde eine Rieselfeldkommission gegründet. In dieser führte Otto Nette von 1908 bis 1912 das Protokollbuch.
Nach seinem Tode vermachte er seinen Betrieb an Sohn Georg Nette. Als der 1982 verstarb, ging der Nachlass unter anderem an Bernd Rolle. „Ich beschäftige mich damit aber erst intensiver, seitdem ich für das Pankower Umweltbüro in Blankenfelde Führungen anbiete“, gesteht der 55-Jährige. Vor allem aus dem Protokollbuch, das ihm der Großvater hinterließ, erfuhr er viel Aufschlussreiches über die Rieselfelder. „Heute laufe ich viel aufmerksamer durch diese Landschaft. Und an einem sonnigen Tag in diesem Jahr sah ich dann etwas Metallenes aus dem Gras blitzen. So entdeckte ich diesen Auslassschieber.“ Wenn Bernd Rolle jetzt dienstags und donnerstags ab 13 Uhr seine ornithologischen Führungen veranstaltet, dann macht er auf Wunsch auch einen Abstecher zum Auslassschieber und zum Auslassbecken.
Weitere Informationen gibt es im Umweltbüro Pankow unter Tel. 92 09 04 80 und auf http://asurl.de/1404/.
Autor:Bernd Wähner aus Pankow |
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