"Das Ehrenamt war bei uns Familiensache"
Ulrike John ist seit 46 Jahren Gratulantin vom Dienst

Die Langzeit-Ehrenamtliche aus dem Wedding: Ulrike John geht die neue Monatsliste durch.  | Foto:  Ulrike Kiefert
  • Die Langzeit-Ehrenamtliche aus dem Wedding: Ulrike John geht die neue Monatsliste durch.
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Ulrike John ist Ehrenamtliche in Langzeit. Seit 46 Jahren gratuliert sie „im Namen des Bezirksamtes“ zu hohen Geburtstagen und Ehejubiläen. Die altruistische Ader hat sie von ihren Eltern.

Jeden Monat bekommt Ulrike John eine Liste vom Bezirksamt. Etwa 20 Namen und Adressen stehen darauf, zum Beispiel die von Helga aus dem Afrikanischen Viertel. Die ältere Dame ist gerade 85 geworden, genau das richtige Alter, um mit Konfekt an ihrer Tür zu klingeln.

Seit 46 Jahren gratuliert Ulrike John Leuten im Namen des Bezirksamtes zu hohen Geburtstagen und Hochzeitstagen. „Früher haben wir uns noch die Rentenbescheide zeigen lassen“, erzählt Ulrike John. „Es ging noch wirklich darum, brauchen die Leute Wohngeld oder Kohlengeld, wie das damals hieß, und kann man ihnen helfen, etwas zu beantragen.“ Heute ist das anders. Ulrike John fragt zwar immer noch, ob alles in Ordnung ist, jemand Hilfe braucht oder einsam ist. Das gehört dazu. Doch die meisten sind mit 85 Jahren noch erstaunlich mobil, hat John festgestellt. Sie haben soziale Kontakte, gehen in Kurse, reisen viel. „85 ist das neue 65“. Und so bringt die Gratulantin vom Dienst heute vor allem eines mit: Freude.

Schon als Jugendliche engagiert

Ihr Ehrenamt macht die Weddingerin seit Mitte 1978. Katholisch erzogen, engagierte sie sich schon als Jugendliche in der Kindergruppe der St.Joseph Kirchengemeinde an der Müllerstraße und als Protokollführerin beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend. „Das Ehrenamt war bei uns Familiensache“, sagt Ulrike John. „Meine Eltern haben es vorgelebt.“ Ihr Vater leitete eine Sozialkommission (Soko), der sie mit 18 Jahren beitrat. Beim Malteser Hilfsdienst gab sie Kurse für Sofortmaßnahmen am Unfallort und fuhr als Sanitäterin im Krankenwagen mit. Auch Schöffin am Jugendgericht war sie schon, auf Vorschlag der Bezirksverordnetenversammlung Mitte.

Während ihres Lehramtsstudiums für Anglistik und Französisch blieb nicht mehr die Zeit für all diese Ämter. Doch die Sozialkommissionsarbeit gab Ulrike John nicht auf. Nach dem frühen Tod ihres Vaters übernahm sie die Leitung der Soko und ist heute für den Gratulationsdienst im Gebiet zwischen Müllerstraße und Buchstraße bis hoch zur Scharnweberstraße kurz vor Reinickendorf zuständig. Sie koordiniert die Unterlagen, verteilt Prüfbögen an ihre drei freiwilligen Mitarbeiter, sorgt dafür, dass die Ehrungen ablaufen und verrechnet das mit dem Bezirksamt.

Eine erfüllende Aufgabe

Für Ulrike John ist das Ehrenamt eine erfüllende Aufgabe. „Wir geben der Generation, die dafür gesorgt hat, dass wir heute gut leben können und die den Krieg überlebt hat, etwas zurück.“ Hinzu kommt, dass sie ganz unterschiedliche Menschen und ihre Geschichten kennenlernt. Eine Dame, die sie lange betreut hat, wohnte an der Seestraße und hat noch den Kaiser mit der Kutsche fahren sehen. „Sie hat immer viele Geschichten aus dem alten Berlin erzählt, so lebendig und so schön.“ Noch mit 84 Jahren sei sie in die Sauna gegangen und zum Turnen. Als sie 102 war, stürzte sie und brach sich den Oberschenkel. Davon hat sie sich nicht mehr erholt. „Sie starb mit 104, das hat mich persönlich sehr getroffen.“ Eine andere Frau, 93 Jahre alt, wartet in ihrer Altbauwohnung voller Gründerzeitmöbel und Familienfotos bis heute darauf, dass ihr Mann aus dem Krieg heimkehrt.

Viele der Jubilare hat Ulrike John über Jahre immer wieder besucht. Erstmals gratuliert wird zum 85.Geburtstag, ab dem 90. Lebensjahr dann jedes Jahr – sofern gewünscht. Zum 100. Geburtstag kommt die Bürgermeisterin oder der Sozialstadtrat mit. Das gilt auch für alle hohen Hochzeitstage. Maximal zehn Euro darf Ulrike John für ein Geschenk ausgeben, so sind die Regeln. Vorher erkundigt sie sich, was gewünscht ist. „Meist ist es Kaffee oder eine Hautlotion.“ Alkohol und Zigaretten sind tabu.

Die Langzeit-Ehrenamtliche will so lange weitermachen, wie sie kann. Sie selbst ist heute 64 und wünscht sich mehr Interesse am Ehrenamt. „Man kann so viel für andere tun, und gerade in der heutigen Zeit ist das sehr wichtig“, findet Ulrike John. Die ehrenamtliche Arbeit sei außerdem flexibel. „Die kann man gut nebenbei machen. Und sie erweitert den eigenen Horizont.“

Wer sich für den Gratulationsdienst oder ein anderes Ehrenamt interessiert, meldet sich im Ehrenamtsbüro des Bezirksamtes Mitte, Tel. 901 84 18 81 oder E-Mail an ehrenamt@ba-mitte.berlin.de.

Autor:

Ulrike Kiefert aus Mitte

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