Berlins älteste Spuren
Am Molkenmarkt graben Archäologen einzigartige Funde aus

Grabung vor dem Roten Rathaus. Seit 2019 legen Archäologen dort Berliner Geschichte frei. | Foto: DSK GmbH/Sebastian Steinberg
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  • Grabung vor dem Roten Rathaus. Seit 2019 legen Archäologen dort Berliner Geschichte frei.
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Zwischen Rotem Rathaus und Altem Stadthaus graben Archäologen Schicht für Schicht 800 Jahre Stadtgeschichte aus. Einst lag dort Berlins ältester Marktplatz: der Molkenmarkt. Ein mittelalterlicher Bohlendamm war der jüngste Sensationsfund. Nach Protesten soll die historische Straße nun teilweise erhalten bleiben.

Lange Zeit lag Berlins fast vergessene Mitte unter der teils achtspurigen Grunerstraße, bis Anfang 2019 eine Großgrabung begann, die Archäologen und Berlinern einzigartige Funde aus der Gründungszeit des mittelalterlichen Handelsstädtchen an der Spree bescherte: Eine mächtige Mauer mit steinerner Eingangsschwelle aus dem 17. Jahrhundert, Fundamente des alten Bewag-Werks, Reste des Palais Blankenfelde, ein lebensgroßer Terrakottakopf aus dem Keller der Kunstschule und ein mittelalterlicher Bohlendamm gehören dazu.

Eile ist geboten

Doch Ausgrabungsleiter Michael Mallaris vom Landesdenkmalamt Berlin und sein Team müssen sich beeilen, um alle denkmalwerten Relikte zu erfassen und noch verborgene Schätze freizulegen, denn auf dem rund 25 000 Quadratmeter großen Areal wird bald wieder gebaut. Ab 2024 sollen dort Wohnungen, Büros und Geschäfte entstehen. Für das neue Stadtquartier wird die Grunerstraße schmaler und ihr Verlauf verlegt. Die geplante Bebauung des Molkenmarktes ist auch der Grund für die Großgrabung. Nach der Dokumentation oder einer eventuellen Bergung der Funde verschwindet alles mit Planen gesichert wieder in der Erde. Ein „Archiv im Boden“ nennt es Michael Mallaris.

Dampfmaschinen im Zentrum

Abgetragen wurde das Stadtviertel auf dem Molkenmarkt 1888. Damals sollte das Rote Rathaus elektrifiziert werden, weshalb die Berliner Elektrizitätswerke (Bewag) auf der Rathausrückseite die „Central-Station Spandauer Straße“ bauten. 1889 nahm dieses dritte Kraftwerk der Reichshauptstadt den Betrieb auf. Bis 1919 rauchten mitten im Wohngebiet die riesigen Schlote der kohlebetriebenen Dampfmaschinen. Für den Bau des Kraftwerks wurde unter anderem das damals älteste bürgerliche Steingebäude Berlins, das Blankenfelde-Haus, abgerissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste das Bewag-Werk selbst einer neuen Bebauung weichen. Die Archäologen fanden die Fundamente und Keller des Werks und darunter die Reste des 1380 erbauten Palais Blankenfelde. Dessen Mauerkrone liegt unter dem Mittelstreifen der neuen Grunerstraße. Es wird überlegt, sie unter Glas für Fußgänger sichtbar zu machen. Solche archäologischen Fenster soll es an mehreren historischen Orten in der Innenstadt geben. Im Keller des Humboldt Forums zum Beispiel werden Stege an den Backsteinmauern des alten Stadtschlosses entlangführen. Auch Teile des Bewag-Kraftwerks könnten dort ausgestellt werden oder im „Archäologischen Besucherzentrum“, das am Petriplatz entsteht, und wo Forscher ebenfalls einige der ältesten Spuren Berlins bei Grabungen entdeckten.

Spuren der ersten Stadtmauer

Die ältesten Zeugnisse aus der Gründungszeit der Doppelstadt Berlin-Cölln aber dürften unter dem Molkenmarkt liegen. Die zwei Schwesterstädte waren einst durch den Mühlendamm miteinander verbunden. Ende des 12. Jahrhunderts hatten sich Fernkaufleute auf dem Gebiet der heutigen Hauptstadt niedergelassen, um hier ihre Geschäfte abzuwickeln. So entstanden in Cölln auf der Spreeinsel der Fischmarkt und in Berlin am östlichen Flussufer der Molkenmarkt. Dort, auf Berlins ältestem Marktplatz, stießen die Archäologen auch auf einen Abschnitt der ersten Stadtmauer, gebaut gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Auch Gebäude der ersten Berliner wurden gefunden wie etwa der Keller eines gut fünf Meter langen Hauses aus der Zeit der Stadtgründung im 13. Jahrhundert. Außerdem entdeckten die Archäologen an der Jüdenstraße das Mauerwerk zweier Häuser aus dem 15. und 17. Jahrhundert und eine mittelalterliche Mauer, die zur Königlichen Kunstschule unweit des sogenannten Hohen Hauses gehörte.

Teile des Bohlendamms werden geborgen

Zum mittelalterlichen Bohlendamm gibt es derweil neue Erkenntnisse. Die 65 Meter lange Holzstraße hatten die Archäologen Anfang Januar gut zweieinhalb Meter unter der Oberkante der Stralauer Straße entdeckt. Dank luftdichter Torfschichten sind die über 800 Jahre alten Bohlen aus Kiefernholz erstaunlich gut erhalten. Bis in den März hinein werden sie nun weiter untersucht. Sicher ist schon jetzt, dass die ersten Arbeiten für Berlins wohl älteste Straße 1215 begannen und über mehrere Erneuerungsphasen bis Anfang der 1230er-Jahre andauerten. Die gesamte Bohlenkonstruktion soll jetzt Lage für Lage dokumentiert und dann für eine weitere wissenschaftlichen Bearbeitung geborgen werden, teilt die Senatskulturverwaltung mit. Zwischengelagert werden die Bauhölzer auf den Grabungsflächen am Molkenmarkt. „Unter der Fachaufsicht des Museums für Vor- und Frühgeschichte sollen sie für eine museale Präsentation beziehungsweise für ein archäologisches Fenster konserviert werden“, informiert die Senatskulturverwaltung. Kurz nach dem Fund war zunächst angekündigt worden, den ausgegrabenen Bohlendamm entsorgen zu müssen, da sich die alten Holzbohlen an der Luft zersetzen würden. Dagegen hat der „Verein für die Geschichte Berlins“ protestiert. In einem Offen Brief an Kultursenator Klaus Lederer (Linke) beschwerte sich der Vorstand über das „übereilte Zersägen des Denkmals“ und forderte alternative Lösungen, um den Bohlenweg zu bewahren und zu konservieren. Dem ist die Senatsverwaltung offenbar nachgekommen. Zumindest ein Teil der mittelalterlichen Straße soll jetzt unberührt unter der künftigen Stralauer Straße erhalten bleiben.

Das Landesdenkmalamt lädt immer freitags zu Führungen über die Grabungsstätte Molkenmarkt ein. Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Jüdenstraße/Ecke Parochialstraße. Anmeldung per E-Mail an Michael.Malliaris@lda.berlin.de.

Autor:

Ulrike Kiefert aus Mitte

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